Die Schweiz lässt die Opfer im Stich

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Es braucht sofort eine grosszügige Lösung für die Opfer von Crans-Montana. So, wie das jetzt läuft, ist es unwürdig für unser Land.

Es hätte eine Art Befreiungsschlag werden sollen. 10’000 Franken sollte jede Opferfamilie der Brandkatastrophe von Crans-Montana erhalten. Mit den rund 1,5 Millionen Franken, die das den Walliser Steuerzahler maximal kostet, sollte der gewaltige Imageschaden behoben werden, den der Bergkanton seit Anfang Jahr erlitten hat.

Doch es scheint so, als genügte diese Discount-Lösung bei weitem nicht. Wie auch? Nur schon die Reisespesen in die Schweiz, der Hotelaufenthalt der Angehörigen und allenfalls die Beerdigungskosten fressen diesen Betrag sofort weg. Ganz zu schweigen von den Behandlungs- und Transportkosten für all die jungen Menschen, die jetzt und wohl noch für Monate auf den Intensivstationen der Spitäler in halb Europa liegen. Wenn man sich vorstellt, dass die nächsten Angehörigen in dieser schweren Zeit bei ihren Kindern sein wollen, wird sofort klar, dass 10’000 Franken nirgendwohin reichen. Mindestens die zehnfache Summe wäre wohl angemessen, und zwar als Pauschale, im Voraus, nicht erst hinterher nach viel bürokratischem Aufwand.

Dass das Ganze für die Angehörigen ein Hohn ist, zeigt vielleicht dieser Vergleich: Für die Ski-WM, die Crans-Montana nächstes Jahr durchführen will, ist die Gemeinde einen Verpflichtungskredit von 42 Millionen Franken eingegangen. An die Opfer gezahlt hat sie bis heute nichts. Jedenfalls wurde bisher nichts Derartiges bekannt. Dafür hörte man letzte Woche, dass die Gemeinde nicht nur die WM durchführen will, sondern 2038 auch noch die Skirennen der Olympischen Winterspiele. Einen schlechteren Zeitpunkt für solche Ankündigungen kann es kaum geben.

Das knausrige Verhalten ist umso unverständlicher, als völlig klar ist, dass es beim Brandschutz zu Versäumnissen gekommen ist. Nicht viel besser als im Wallis sieht es bisher auf Bundesebene aus. Auch da ging bisher nichts. Mit der Suche nach einem Ausweg, der nicht gratis sein wird, will man sich einen Monat Zeit lassen. Zum Vergleich hier: Als es um die Rettung der Credit Suisse ging, war der Bundesrat an einem einzigen Wochenende fähig, ein Hilfspaket von 257 Milliarden Franken zu schnüren.

Wie man es machen kann, das hat vor bald 30 Jahren die Swissair nach dem Absturz einer ihrer Maschinen bei Halifax gezeigt. Der Konzern, bei dem sonst vieles schief lief, hat innerhalb von drei Tagen pro Opfer 200’000 Franken locker gemacht. Und der damalige CEO Philippe Bruggisser gestand von Anfang an eine gewisse Mitschuld ein und erntete damit weltweit Anerkennung. Und dies, obwohl auch bei diesem Unglück viel menschliches Versagen im Spiel war. Die Swissair ging in vielen Fällen sogar so weit, dass sie die Summe den Opfern bar überbrachte, ohne jede bürokratische Abklärung.

Rechtlich ist der Swissair durch ihr entschlossenes Vorgehen kein Schaden entstanden, finanziell auf die lange Frist auch nicht, denn die Vorauszahlung konnte hinterher mit dem Schadenersatz verrechnet werden. Dass die nationale Fluggesellschaft dennoch unterging, hatte andere Gründe.

Wenn das Wallis, oder die Schweiz, das Vorgehen der Swissair kopieren würden, müssten sie rund 30 Millionen Franken Soforthilfe auf den Tisch legen. Eine Summe, die zwar hoch ist, im Verhältnis zu den Staatsausgaben allerdings nicht einmal im Promille-Bereich relevant wäre. Dies vor allem, wenn man bedenkt, dass die Nationalbank dank eines Rekordgewinns von rund 26 Milliarden Franken Bund und Kantonen voraussichtlich 4 Milliarden Franken ausschütten wird. Diese Ausschüttung wird die öffentlichen Kassen bei Bund und Kantonen in den grünen Bereich bringen – und Geld für einen Sonderfonds wäre somit vorhanden.

Bleibt zu hoffen, dass sich Bundespräsident Guy Parmelin nicht allzu lange Zeit nimmt, zu überlegen, wie genau das rechtliche Konstrukt aussehen soll, das eine grosszügige Regelung ermöglicht. Noch ist es Zeit, dass sich die Schweiz von ihrer grosszügigen Seite zeigen kann. Wenn das erst nach jahrelangen Prozessen geschieht, ist es zu spät.

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